Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. DruckenE-Mail

Spirituality & Health Magazine, Sept-Oct, 2004
(private Übersetzung von ACCA Beratung)

Qigong: Einen Lehrer finden, eine Übungseinheit entwickeln

Von: Ronnie Shushan

Siehe auch: Spirituality & Health Magazine

Ronnie Shushan, Manager des Kunst und Produktionsteams bei S&H, gibt zu, eine übertriebene Zahl von Büchern und Videos zum Thema „QiGong – Chinesische Heilübungen“ gesammelt zu haben, um es in zwei Features im Magazin illustrieren zu können. Sie verstand alsbald, dass sie QiGong nicht aus einem Buch lernen kann und so streckte sie ihre Fühler aus nach einem guten Lehrer. Dann, letzten Herbst, erreichte sie eine Email von einem Yogalehrer ihrer Heimatstadt Woodstock, New York, in der er ein Intensivwochenende mit einem QiGong-Lehrer namens Pragata angekündigte. Sie informierte sich auf Pragatas Webseite und meldete sich spontan an. Danach schrieb sie diesen Bericht.

Ungefähr 20 sind wir, die sich im Alter zwischen 14 und paarundsiebzig am Freitagabend für eine erste Einheit zusammenfinden. Der große offene Raum – der zweite Stock einer 150 Jahre alten umgebauten Scheune – ist all denen von uns vertraut, die hier zuvor schon Yoga gemacht haben. Die Wärme und Lebendigkeit, die mir schon auf Pragatas Webseite aufgefallen war, ist noch unwiderstehlicher, als ich ihm persönlich begegne.

Er beginnt damit, kurz die Geschichte der Übungsabfolge der sogenannten 18 Lohan Hände zu berichten, von denen wir 6 an diesem Wochenende lernen werden. Er erklärt, dass diese vom großen Bodhidharma selbst 527 vor Christus den Mönchen des Shaolin Klosters in China gelehrt wurden, um die Schläfrigkeit während der Meditation zu bekämpfen. Shaolin Qigong kann auf drei unterschiedlichen Ebenen geübt werden: Der Ebene der Form (oder physische Übungen), der Ebene der Energie (einer bewussten Anstrengung, um Energie zu erhöhen und Blockaden aufzulösen) und schließlich der Ebene des Geistes (wo ein erhöhtes Stadium der Bewusstheit dem Übenden dazu verhilft, Energien zu beeinflussen und Heilung bewirkt).

Pragatas eigene Heilungserfahrungen mit QiGong sind erstaunlich. Ein Skiunfall, den er im Alter von 14 Jahren in seiner Heimat in Frankreich erlitt, beschädigte seine Wirbelsäule, so dass er mit 40 Jahren nach vorne gebeugt gehen musste und unter ständigen Schmerzen litt. („Du bist so alt wie deine Wirbelsäule“, erklärt er uns.) Nach vielen Jahren im Osten, wo er bei vielen Meistern unterschiedliche Heilungsarten und Meditationstechniken gelernt hatte, empfing er schließlich seine Initiation ins QiGong vor 10 Jahren in China. Heute, beinahe 60 Jahre alt, bewegt er sich mit bemerkenswerter Geschmeidigkeit und Leichtigkeit und hat eine Ebene von Aktivität zurückerobert – inklusive Bergsteigen auf dem Himalaya – von der er nicht einmal zu träumen gewagt hatte.

 Inspiriert von Pragatas Erfahrungen und motiviert durch seine Energie räumen wir den Boden frei, bereit die erste Form zu erlernen – sowohl jede der 18 Übungen, als auch die ganze Übungsreihe wird Form genannt. Diese Arbeit, erklärt er uns, wird uns ermöglichen sowohl konzentriert als auch entspannt zu sein und zwar zur selben Zeit. Wir stehen mit den Füßen nahe beieinander, jedoch ohne dass sie sich berühren, die Knie sind leicht gebeugt. Wir werden angehalten durch die Nase einzuatmen und durch den Mund auszuatmen. Beim Einatmen, so lernen wir, nehmen wir die Energien des Kosmos in uns auf, beim Ausatmen lassen wir Blockaden, Gifte und Negatives los. Wenn wir bei geschlossenem Mund ausatmeten, würde die negative Energie einfach in uns bleiben. Unser Gewicht sollen wir in die Mitte unserer beiden Füße verlagern, aber Richtung Fußballen. Wenn das Gewicht auf den Fersen liege, bliebe die Energie stecken. Es geht immer um die Energie, sagt Pragata, und wie wir deren Fluss durch unseren Körper erweitern.

Pragata demonstriert die Bewegung ‘Den Himmel heben‘ und wir machen es nach. Beim Einatmen werden einfach nur die Arme während des Einatmens nach oben angehoben, dann eine kurze Pause, ein dehnender Stoß nach oben, dann während des Ausatmens die Arme seitlich nach unten bewegen, eine weitere Pause und es beginnt von vorne. Die Handgelenke sind dabei in einer Art und Weise angewinkelt, das es mich schmerzt (ich habe Karpal-Tunnel-Probleme von den vielen Stunden am Computer).Als ich das während unserer Diskussionsrunde erwähne, bittet uns Pragata immer nur ein klein wenig über unser Limit zu gehen zu einem Punkt des angenehmen Schmerzes, aber nicht darüber. Auf diese Weise erhöhten wir unser Limit ohne uns zu verletzen.

Nach 15 oder 20 Wiederholungen von ‘Den Himmel heben‘ stehen wir kurz still, um dann in eine freie Bewegungsform zu wechseln, die Wu-Wie genannt wird. Pragata beschreibt sie als eine Bewegung ohne Absicht, eine mühelose Anstrengung. Die Idee dabei ist, die Energie, die durch deinen Körper fließt zu spüren und sich mit ihr zu bewegen, von ihr bewegen zu lassen. Es ist der wichtigste Teil der Übung, sagt Pragata, und ein guter Moment, um Heilabsichten in bestimmte Körperregionen zu schicken.

Nach dem Wu-Wei lernen wir eine wunderbare Selbstmassage des Gesichtes, in dem wir bestimmte Akupunkturpunkte stimulieren. Dann nehmen wir uns einen Moment Zeit um das zu fühlen, was Pragata das Lächeln des Herzens nennt. Wir schicken dieses Lächeln an jede Zelle unseres Körpers, dann an all diejenigen, die wir lieben, dann an alle Wesen. Schließlich stehen wir mit den Händen zur Dankbarkeit gefaltet – dankbar für unsere Lehrer und für das Leben als Lehrer. Dankbarkeit, so finde ich für mich heraus, vertieft das Lächeln in meinem Herzen.

Während der kommenden beiden Tage lehrt uns Pragata die anderen 5 Formen: zwei Drei-Stunden-Sessions am Samstag und eine vier-Stunden-Session am Sonntag. Die 6 Formen, die wir lernen, sind laut Pragatas Meister, genannt Sifu, eine komplette Form in sich, eine sehr effiziente Art und Weise, alle Organe und Drüsen zu massieren, den Körper aufzuladen mit Energie und den Geist zu konzentrieren. Pragata lehrt uns, indem er uns diejenigen Übungen wiederholen lässt, die wir schon gelernt haben, uns dann eine neue Übung zeigt, uns diese üben lässt, dann Wu-Wie und Selbstmassage und teilen der Energie, dann was er dynamisches Gehen durch den Raum nennt, dann Austauschrunde. Die meisten Formen haben vielsagende metaphorische Namen: Erst kommt ‚Den Himmel heben‘ (wenn wir nur Zeit für eine einzige Übung haben, dann sollen wir diese nehmen), dann ‚Den Berg schieben‘ (für innere Kraft und mentale Frische), dann ‚Den Mond tragen‘ (um das Nervensystem zu verbessern), dann ‚Die Nieren nähren‘ (um die intellektuelle Energie sowie die allgemeine Lebendigkeit und die sexuelle Energie zu stärken), dann ‚Die Meere teilen‘ (für Herz und Lunge) und schlußendlich ‚Das Riesenrad‘ (QiGong-Version einer Aufputschpille, die auch auf die Verdauungsorgane wirkt).

Die Austauschrunden offenbaren sehr unterschiedliche Reaktionen. Einer berichtet, dass ein Schmerz von einer kürzlich erworbenen Verletzung verschwunden sei. Ein anderer berichtet von Wut an einem Tag und Tränen am anderen. Übelkeit, Heiserkeit, Träume alte Elterngeschichten betreffend – die Tendenz geht dahin alles diesen intensiven Übungen zuzuschreiben. Pragata hört unseren Beobachtungen zu und erinnert uns daran, dass alles, egal was wir fühlen, nur Energie sei. Und so wie es in vielen Traditionen gelehrt wird, sollen wir diese nur beobachten ohne sie zu beurteilen oder daran anzuhaften.

Meine eigene Erfahrung ist die einer anhaltenden Ausdauer. Es gab nicht einen einzigen Moment in diesen 12 Stunden der Zusammenarbeit, an dem ich mich nicht wach, konzentriert und total präsent gefühlt habe. Am Ende des Samstages jedoch flackerte ein Nervenproblem in meinem linken Fuß auf. Was ich bei dieser Arbeit lernte, ist die Möglichkeit meine Identifikation mit einem Zustand („Ich habe eine Mortons Neurom“)neu auszurichten, Pragata nennt es innere Operation – dieses Narbengewebe bricht auseinander. Nicht zuletzt veränderte die Erfahrung des Augenblicks meinen Blick auf mich selbst von einer, die verletzt wurde, zu einer, die das Potential hat, sich zu heilen.

Nachdem wir alle Formen einzeln gelernt hatten, führte uns Pragata zügig in das ganze Set ein, das er auch selbst täglich anwendet. Einschließlich der freien Form Wu-Wei und der Selbstmassage am Ende braucht man für die ganze Übungsreihe ungefähr 20 Minuten Zeit. In unserer letzten Diskussionsrunde gibt es eine Tendenz zu trödeln. Wir fürchten, uns an die Übungen nicht korrekt zu erinnern. Pragata versichert uns, dass wir das, was wir brauchen, auch erinnern werden. Perfektion sei nicht wichtig. Subtile Verfeinerungen könne man auch später lernen. In meinem Fall trifft das zu. In den Monaten seit dem Workshop habe ich die Übungen fast jeden Morgen gemacht, mit kleinen Unterbrechungen hier und da. Es ist wirklich eine Meditation in Bewegung, eine Übung, die nicht nur mit der Energie arbeitet, sondern auch mit Achtsamkeit, liebevoller Freundlichkeit, Dankbarkeit und Mitgefühl.

COPYRIGHT 2004 Spirituality & Health Magazine